Spezialkommando räumt besetztes Jugendhaus
Insgesamt 150 Polizeibeamte im Einsatz - In anderthalb Stunden endet über 30-jährige Clubgeschichte
Sie kamen nicht bei Nacht und Nebel, sondern am helllichten Vormittag bei strahlendem Sonnenschein: Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei beendete am Mittwoch die sechswöchige Besetzung des Jugendhauses an der Oberen Weinsteige in Degerloch. 150 Polizisten gegen sechs Besetzer und 30 Sympathisanten.
VON WOLF-DIETER OBST
In zwei Minuten ist alles entschieden. Nach fünf Jahren Streit um ein neues Domizil für die Alternativszene des Jugendhausclubs Degerloch. Nach sechswöchiger Besetzung der alten Villa Obere Weinsteige 9. In jenen zwei Minuten nach 10 Uhr rollt ein Container-Lastwagen mit Tübinger Kennzeichen auf der B 27 bergwärts, stoppt plötzlich vor dem Gebäude, vermummte Männer hechten vom Lkw-Dach auf die Balustrade im ersten Stock, klettern blitzschnell über Leitern auf das Hausdach, überwältigen die beiden Wachposten, dringen durch ein offenes Fenster ins Dachgeschoss ein.
"Wir hatten die Befürchtung, dass die Besetzer aufs Dach flüchten würden, deshalb musste alles ganz schnell gehen", sagt Michael Kühner, Leiter der Schutz- und Kriminalpolizei, "das hätte für alle Beteiligten sonst sehr gefährlich werden können." Etwa für Julia Kümmel, die Sprecherin des Jugendhausclubs: "Ich bin in Panik auf die andere Seite des Dachs geflüchtet, als die Vermummten mit gezogenen Pistolen kamen", sagt sie, "immer wieder wären wir fast abgerutscht." SEK-Beamte seilen sie zum Dachgeschossfenster ab. Um 10.12 Uhr sitzt die Aktivistin mit fünf Mitstreitern im Alter von 19 bis 24 Jahren im verbarrikadierten Obergeschoss. Die Polizei war wie aus dem Nichts gekommen. An der Tür eines Zimmers klebt ein Kinoplakat: "Nimm dich in acht vor dem, was du nicht siehst!" Um 10.15 Uhr dürfen die ersten Autos wieder über die Obere Weinsteige rollen. Bis zum Mittag gibt es zwei Kilometer lange Staus.
Dass die Räumung letztlich doch anderthalb Stunden in Anspruch nimmt, liegt am Barrikadenbau innerhalb des heruntergekommenen Gebäudes. Vier Falltüren aus Stahl schotten das Treppenhaus ab, müssen mühsam geknackt werden. "Cop-Killer", steht drauf. Oder: "Achtung, Stacheldraht."
Der Haupteingang erweist sich als zu harte Nuss für die Beamten. Weder mit Stemmeisen noch mit Motorsäge lässt sich die Pforte öffnen. Eine Tür an der Straßenfront leistet schließlich weniger Widerstand. Eine Degerlocher Zuschauerin kommentiert das Hämmern und Klirren kopfschüttelnd: "In 30 Jahren ist hier noch keine Tür kaputtgegangen."
Die Mitglieder und Unterstützer des alternativen Jugendhausclubs sind vom polizeilichen Zeitplan überrascht worden. Nach einer Stunde sind 50 Zuschauer gekommen, sie werden von der Einsatzhundertschaft vom Haus ferngehalten. 150 Beamte sind im Einsatz, um Störungen zu verhindern.
Die Polizei wählte den Zeitpunkt des geringsten Widerstands. Letzten Freitag, als die Gerichtsvollzieherin im Auftrag der Stadt erschien, hatten noch 200 Demonstranten die Villa abgeschirmt. Am Mittwoch waren zunächst zwölf Besetzer im Gebäude, die Hälfte ging aber frühmorgens zur Arbeit. Alle hatten nachts die Augen offen gehalten. "2.54 Uhr, keine auffälligen Verhaltensmuster der Polizei", lautete die letzte Meldung auf der Internetseite - ehe dann der Spezial-Lkw der Polizei auftauchte.
Die Gerichtsvollzieherin, die formell für die Stadt als Gebäudebesitzerin die Polizei mit der Räumung beauftragt hatte, begutachtete das Areal, auf dem ein neues Kinder- und Jugendhaus gebaut werden soll. Die Räume gleichen einer Müllhalde. Das Haus wird zugemauert. OB Wolfgang Schuster verteidigt das Vorgehen: "Für mich ist unverständlich, warum die jungen Erwachsenen das Angebot eines unbebauten Grundstücks auf dem ehemaligen Cannstatter Güterbahnhof ausgeschlagen haben."
Gegen die letzten Besetzer, vier Männer und zwei Frauen, ermittelt nun die Staatsanwaltschaft - wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Julia Kümmel vom Jugendhausclub gibt sich dennoch kämpferisch: "Wir werden sicher nicht vom Erdboden verschwinden." Am Abend gegen 20 Uhr versammelten sich etwa 180 Sympathisanten des Jugendhausclubs zu einer Demonstration auf dem Marktplatz.
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Bilder:
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